Es gibt sie wirklich, diese Momente höchsten Glücks – wo das Leben leuchtet, bunt und rund ist. Wenn man ein Neugeborenes in Händen hält, wenn die Partnerin/der Partner fürs Leben gefunden worden ist und man gemeinsam „Hoch-Zeit“ feiert, wenn man in das funkelnde Blau des Meeres und in das prächtige Grün der Natur eintauchen kann oder eine Ausbildung erfolgreich beendet. In solchen Augenblicken fällt das Leben leicht, fühlt ein Mensch sich gelöst. Es gibt aber auch die andere Erfahrung: dass man trotz einer guten Ausbildung nicht gebraucht wird, dass man trotz der anfänglichen Begeisterung einer Beziehung nicht gewachsen ist, dass die Kinder Wege einschlagen, die große Sorgen machen, oder dass einem der Alltag über den Kopf wächst. Besonders tragisch ist, wenn – unabhängig von einzelnen Schwierigkeiten und „Verdunkelungen“ – der eigene Lebensentwurf nicht (mehr) stimmt, wenn das, worauf ich mich verlasse, worauf ich setze, was mein Handeln, Fühlen, Denken bestimmt, nicht trägt, nicht weiterbringt, sondern „kaputt“ macht.
Herausgelöst aus unheilvollen Lebensentwürfen
In der Bibel begegnen beiden Lebenserfahrungen – das Helle und das Dunkle, das Erlöste und Unerlöste. Auf besonders beeindruckende Weise kommt das in den Psalmen zur Sprache. Diese Gebete „leihen“ Menschen bis heute Worte für allergrößtes Glück und pralle Freude, aber auch für schmerzliches Leid und tiefste Verzweifl ung. Im Neuen Testament ist Jesus selbst der entscheidende „Schlüssel“ für erlöstes Leben – für ein „Leben in Fülle“ (Johannes 10,10). Immer wieder wird im Neuen Testament erzählt, wie Menschen durch ihn einen Weg zu erlöstem Leben fi nden – und herauskommen aus uner-lösten und angsterfüllten Lebensentwürfen. Dieses Herausgelöst-Werden gelingt dadurch, dass ihnen in der Begegnung mit Jesus – an seiner Person, an seiner Lebenshaltung, an seinem Lebensstil – Entscheidendes aufgeht und ihnen das Fehlende an ihrer eigenen Orientierung bewusst wird. Eine besonders beeindruckende „Erlösungserfahrung“ findet sich in der Heilung des Besessenen von Gerasa (Markus 5,1-20) wieder: Der Besessene haust in den Grabhöhlen. Er ist wie ein Zerrissener, der sein Leben am Abgrund des Todes gründet. Die ganze Welt kann er nur mehr durch den Schleier der Zerstörung sehen. Er will für sich nichts Gutes – und auch für die anderen nicht. Erst die Begegnung mit Jesus lässt ihn aus seinem zerstörerischen „Un-Leben“ herausfi nden. Er wagt es an der Seite Jesu endlich, hinter die fragilen Mauern der eigenen Existenz zu schauen, und erkennt wie in einem Spiegel, dass er nur in „Stücken“ lebt. Diese Erkenntnis aber ist der entscheidende erste Schritt heraus aus der unheilvollen, unerlös-
ten Situation – und hinein in einen Alltag, wo er nun endlich heimisch werden kann.
Felder der Erlösung mitten im Alltag
In den Spuren Jesu Erlösung zu fi nden, darum geht es im Christentum bis heute – und muss es auch gehen! Denn wenn Menschen bereits jetzt „Geschmack“ am erlösten Leben fi nden dürfen, dann wird der eigene Glaube wiederbereichernd und wertvoll. Erlösung in den Spuren Jesu – das kann bedeuten, dass einer etwa durch die Entdeckung des liebenden Blicks wieder Ja sagen lernt zu seinem Leben. Erlösung kann da keimen, woeine durch nicht gekannte Dankbarkeit einen neuen Zugang findet zu ihren Mitmenschen. Erlösung wird dort erahnbar, wo durch eine „Liebes-Erfahrung“ Menschen-freundlichkeit neu gefunden wird. Besonders eindrucksvoll bringt Jesus Spuren dieses erlösten Lebens in der Bergpredigt auf den Punkt. In den sogenannten „Antithesen“ (vgl. Matthäus 5,21-47) zeigt er beispielsweise „Felder der Er-lösung“ mitten im Alltag auf. So wird für Jesus erlöstes Leben dort möglich, wo jemand seinen Vorurteilen nicht mehr verfällt – und dadurch eine neue Offenheit ins Spiel kommt. Erlöstes Leben kann dort spürbar werden, wo Menschen stark genug sind, die Schwächeren nicht zu übersehen – und sich in ihrem Handeln von der Perspektive der Schwachen leiten lassen. Erlöstes Lebenzeigt sich weiters darin, „konstruktiv“ mit FeindInnen umgehen zu lernen – und den Kreislauf von Verdacht und Gegenverdacht, Gewalt und Gegengewalt zu durchbrechen.
Das „Abfärben“ Gottes
Schon die „raue“ Sprache der Antithesen verrät jedoch, dass dieses erlöste Leben bzw. das Her-ausgelöst-Werden aus alten, unheilvollen Le-bensmustern kein Kinderspiel ist. Man braucht schon einen langen Atem, um in dieses neue Leben hineinzuwachsen. Rückschläge sind dabei zu erwarten. Damit das neue Leben aber gelingt, ist eines nicht zu übersehen: das „Abfärben Gottes“. Je mehr ein Mensch Gott auf sich abfärben lässt – seine „Gedanken“, seinen Umgang mit unseren Schwächen, seine geduldige Liebe –, umso eher wandelt sich das Leben. Wie wichtig das alles für Jesus war, hat er am Kreuz gezeigt: Der Tod am Kreuz ist die Konsequenz seines Le-bens und seiner Botschaft. Nichts konnte ihn davon abbringen – selbst der Tod nicht –, sich auf den erlösenden Gott und das mit ihm verbundene neue Leben „festnageln“ zu lassen.
Fragen für ein Gespräch bzw. für die eigene Spurensuche:
- Wo habe ich schon Erlösung erfahren bzw. Momente der Erlösung gespürt? Wie war das? Was habe ich dabei erlebt?
- Herausgelöst-Werden aus alten, unheilvollen Lebensentwürfen – was könnte das mit Blick auf unsere Zeit bedeuten?
Erlöst: zum Leben
„Bessere Lieder müssten sie mir singen, dass ich an ihren Erlöser glauben lerne: erlöster müssten mir seine Jünger aussehen!“ – Nietzsches Anklage ist auch heute noch eine der schärfsten Einsprüche gegen den christlichen Erlösungs-glauben, obwohl das Christentum inzwischen weit lebensfreundlicher geworden ist. Die Gründe der Kritik aber sind geblieben: Seit Jesus von Nazareth ist die Welt wohl kaum erlöster geworden, heißt es. Wo ist seine angekündigte Gottesherrschaft geblieben?
Wie schon beim Schlüsselwort „versprochen“, so gilt auch hier: Erlösung ist nicht nur ein Wort, das einen äußeren, vollendeten Zustand der Welt erhofft, sondern ein Wort, das zuallererst die Zusage Gottes bezeichnet, dass wir auf Hoff-nung hin gerettet sind (vgl. Römer 8,24). Das Unterpfand dieser Zusage aber trägt ein Gesicht, eine Geschichte, einen Namen: Jesus Christus. Eine Trennung des Lebens in ein diesseitiges un-erlöstes und ein jenseitiges erlöstes war Jesus allerdings fremd. Denn alles Leben kommt aus Gott und steht vom Schöpfer her unter der Zu-sage des Gutseins, des Gelingens, des Segens – so verdunkelt dieses Versprechen in den Zeiten des Leids auch ist und bleibt. Denn auch Jesus selbst wurde zum Opfer menschlicher Gewalt. Und doch sind wir auf Hoffnung hin gerettetSeither ging das Leben weiter wie eh und je: ein ewiger Kampf um Macht und Anerkennung, um das beste Stück vom Leben vor dem Tod, um Gerechtigkeit und Glück. Und dennoch ging es
auch nicht mehr so weiter wie bisher, weil etwas Unvorstellbares geschah: Frauen und Männer, Menschen wie wir nach Erlösung suchend (siehe Lukas 24,21), verkünden: Jesu Leben ist ans Ziel gekommen, er ist auferweckt worden, er ist der Messias, er ist der Weg zum Heil. Sein Versprechen hat Gott nicht gebrochen, sondern es im Leben und im Sterben des Jesus von Nazareth auf wunderbare Weise eingelöst durch dessen Auferweckung aus den Toten.So ist der christliche Erlösungsglaube nicht Er-lösung vor dem Tod, sondern im Tod, nicht Er-lösung vor dem Leid, sondern im Leid. Aber nur eine gelebte Hoffnung vermag zu überzeugen. Sie zu leben, kann uns Christinnen und Christen niemand abnehmen. In diesem Sinne hat Nietzsches Vorwurf auch heute noch seine Berechtigung.
Kampagne Glaube gibt Halt
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