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Kirche und FPÖ - "we agree to disagree"

Eigentlich habe ich mit der FPÖ vor allem was zu tun, wenn ich als Demonstrantin bei einer Gegendemo zu einer HC Strache Veranstaltung dabei bin, aber bei der Diskussionsveranstaltung des Sozialreferats der Diözese Linz zu Kirche und FPÖ konnte ich ob des interessanten Themas doch nicht widerstehen, mich auch mal auf ein anderes Format der Auseinandersetzung mit dieser Partei einzulassen. Es hat sich gelohnt und war aufschlussreich, obwohl ich emotional sowas nicht ständig aushalten könnte. Denn neben allen interessanten Inhalten ist mir vor allem die Stimmung im Gedächtnis, die nicht nur etwas mit dem FPÖ-Vertreter NR-Abgeordneter Lutz Weinzinger zu tun hatte, sondern auch mit dem Publikum. Selten erlebe ich soviel Menschenverachtung auf einem Fleck wie in den Statements mancher Anwesender zu Ausdruck kam. Einzig positiv ist aber, dass es trotzdem gelungen ist, ein Stück weit miteinander in Gespräch zu kommen, auch dank einer freundlichen, aber bestimmten Moderatorin, Angelika Gumpenberger-Eckerstorfer vom Sozialreferat, die die Veranstaltung mit den Worten "We agree to disagree" schloss. Wenn die Stimmung derartig agressiv und menschenverachtend ist, schwanke ich selbst zwischen Aggression und Resignation beim Gedanken an die Wahlergebnisse der FPÖ, gerade wenn ich daran denke, dass etwa 29% der Menschen unter 30 dieser Partei bei der letzten Landtags-Wahl in Oberösterreich ihre Stimme gegeben haben. Doch zum Inhalt der Debatte: Lutz Weinzinger betonte, dass im freiheitlichen Parteiprogramm das Christentum als Fundament Europas verankert ist. Dieses Christentum als wesentlicher Teil der Kultur sei zu verteidigen gegen die drohende "Islamisierung", wenn nichts passiert, sei Österreich aufgrund der demografischen Entwicklung in 40 Jahren in islamischer Hand. Der Verlust der eigenen Kultur und Identität drohe, die Familie ist in ihrem Bestand gefährdet, weil immer mehr gebildete Frauen keine Kinder bekommen. Dagegen seien die christlichen Kirchen viel zuwenig aktiv, im ökumenischen Sozialwort der christlichen Kirchen (dem Ausgangspunkt der Diskussion) finde sich zuviel "Zeitgeist" und "soziologischer Kauderwelsch". Der Auwiesner Pfarrer Christian Öhler, Geistlicher Assistent der Katholischen Aktion der Diözese Linz, bezeichnete die FPÖ als "Brandmelder", der zum "Brandstifter" wird. Ausgehend von den Erfahrungen in seinem Linzer Stadtteil machte er deutlich, dass die es um konkrete, praktible Lösungen für das Zusammenleben von MigrantInnen und MehrhheitsösterreicherInnen geht. Gerade das Sozialwort der christlichen Kirchen bietet dafür genug Vorschläge, von offener, kreativer Beteiligung aller Bevölkerungsgruppen im Stadtteil bis zu verankerten menschenrechtlichen Standards für MigrantInnen, z.B. das Recht auf Familienzusammenführung und aktives und passives Wahlrecht. Dabei ist ein gemeinsamer europäischer Blick auf die Migrantionspolitik ebenso notwendig wie ein Aufstocken der Entwicklungshilfe. Bildung ist ein Schlüsselfaktor für ein gutes Miteinander, ein erster notwendiger Schritt wäre die gemeinsame Schule der 6- bis 14-jährigen. Christian Öhler betonte, dass ein christliches Menschenbild unbedingt beinhalten muss, sich den Herausforderungen einer pluralen Gesellschaft in positiver Weise zu stellen. Menschenrechte gelten für alle. Was eine christliches Menschenbild konkret heisst, machte Christian Öhler mit dem Symbol des Kreuzes deutlich - ohne die Nutzung dieses Symbols durch HC Strache für seine Hasstiraden explizit zu nennen. Das Kreuz als Symbol des Christentums steht für Verwurzelung, Offenheit für Transzendenz, das Miteinander und das Einlassen auf Andere - und für teilnehmende Wahrnehmung fremden Leids. Das Kreuz steht niemals für "mir san mir" und "die anderen sollen schauen, wo sie bleiben". Der Kirchenhistoriker und Nationalsozialismus-Experte Helmut Wagner brachte in seinem Referat einen historischen Abriss über das Verhältnis der FPÖ und der Kirche. Die FPÖ bezieht sich auf die Burschenschaften, die in der Revolution 1848 sich sowohl als "liberal" in der Einforderung bürgerlicher Rechte, aber auch als "antiklerikal" verstanden, weil Kirche im 19.Jahrhundert antidemokratisch war. Das liberale Moment der Burschenschaften wurde deutsch-national und antisemitisch. Diese Elemente finden sich auch in der Kirche, wobei der Antisemitismus der Kirche nie rassistisch war. In der ersten Republik setze die Kirche auf den Ständestaat, die NationalsozialistInnen wendeten sich gegen das katholische Lager. Nach 1945 fanden sich die ehemaligen NationalsozialistInnen in der VDU, dann in der FPÖ. Die Kirche akzeptierte in einem langem Prozess die Demokratie und vollzog mit dem II.Vatikanischen Konzil (1962 - 1965) auch interne Demokratisierungsschritte, die in der Gesellschaft, auch in Verbindung mit der Aufarbeitung des Nationalsozialismus, relevant geworden waren. Doch sowohl in der Kirche als auch in der FPÖ gibt es Menschen, die diesen Demokratisierungsprozess nicht mitgegangen sind und auf autoritäre Muster setzen. Insofern überraschen gute Kontakte zwischen FPÖ und manchen Kirchenvertretern nicht. Der Riss geht mitten durch die FPÖ und mitten durch die Kirche. Liberale, die sich den Idealen der Revolution von 1848 bzw. der französischen Revolution verpflichtet fühlen, können sehrwohl etwas mit dem Menschenbild des ökumenischen Sozialworts anfangen, der/die typische FPÖ-WählerIn aber nicht. Autoritäre, antidemokratische Muster gibt es überall, aber auch und besonders in der FPÖ. Nach diesem disperaten Befund frage ich mich, wie es weitergeht. Ich bin davon überzeugt, dass die Kirchen eine positive gesellschaftliche Rolle im Sinne der Menschenrechte, die paradoxerweise gegen sie durchgesetzt werden mussten, spielen. Der Kern der christlichen Botschaft lässt etwas anders gar nicht zu. Die Verhältnisse werden rauher, die Sprache roher, die "Nähe der FPÖ-Terminologie zum Nationalsozialismus" (Helmut Wagner) ist kein Zufall. Es braucht ganz viele Inititiativen, die für die Menschen spürbar machen, dass der Weg der Vielfalt im Umgang mit Pluralität der Richtige ist, wo alle gewinnen. Ich wünsche mir, dass dazu die Kirchen einen wesentlichen Beitrag leisten - und dabei, wenn nötig, auch immer wieder deutliche Worte gegen Aussagen der FPÖ finden.
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