Dies ist die alte Version von Thematisch.at

Weil es hier doch noch so viel zu lesen gibt, haben wir diese Website online gelassen, sie wird aber nicht mehr aktualisiert. Für aktuelle Informationen zum Thema Kirche und Social Media empfehlen wir kirche20.at. Auf thematisch.at vernetzen sich christliche BloggerInnen aus Oberösterreich. Die Katholische Aktion OÖ ist unter www.dioezese-linz.at/ka im Web zu finden.

Startseite

Was ist Liebe?

Ein altes Experiment zeigte einmal auf drastisch-tragische Weise, welche Auswirkungen es hat, wenn jemand nicht beachtet und geliebt wird. Mit dem Ziel, die Ursprache unverfälscht zu entdecken, wurden neugeborene Babys auf Befehl des Stauferkaisers Friedrich II. (1212 bis 1250) nur grundversorgt – ohne aber mit ihnen zu sprechen, sie zu herzen, sich ihnen zuzuwenden. Das Ergebnis war niederschmetternd: Alle Kinder „verkümmerten“ und starben. Nicht angesprochen zu werden, keine Beachtung zu bekommen, vergessen zu werden, namenlos – ein „nobody“– zu sein, das zerstört Menschen! Frei-Raum und Weite In der heutigen Zeit gibt es ähnliche Erfahrungen. Auch in unserer Gesellschaft gibt es Menschen, die verkümmern und „draufgehen“, weil sie in ihren Familien, von ihrem Partner/ihrer Partnerin, in der Arbeitswelt oder in der Schule nicht beachtet, geschätzt und geliebt werden. Manche wiederum verkümmern, weil sie meinen, den eigenen Ansprüchen nicht gerecht zu werden. Sie fühlen sich immer ein Stück hinter ihren Erwartungen zurück und sind – vielleicht auch aus diesem Grund – nicht in der Lage, sich selbst zu lieben. So gesehen bedeutet fehlende Liebe „Enge“: Weil Liebe fehlt, engen Menschen ihre Gefühle, ihren Horizont, ihre Worte und Handlungen auf die Erfahrung des Mangels ein. Sie fühlen sich – sogar mitten im Wohlstand – zu kurz gekommen, sie empfinden sich – trotz erbrachter Leistungen – als unnütz, sie sehen sich – obwohl in guten Stellungen – als wertlos. Umgekehrt geht mit der Erfahrung der Liebe eine „Weitung“ einher: Da, wo Menschen sich – so wie sie sind – angenommen und bejaht fühlen, weiten sich das Herz, die eigenen Möglichkeiten, der Blick auf die Welt und auf sich selbst. Es entsteht Raum. Wie sehr Liebe freigibt, spiegelt auch die Sprache wider. Das Wort Freiheit kommt von der indogermanischen Wurzel „prai“. Das heißt: schützen, schonen, gern haben, lieben. Liebe schafft also Frei-Raum und – in gewisser Weise – „Ent-Grenzung“. Das beste Beispiel dafür ist Jesus selbst. An ihm ist zu erkennen, was Liebe alles vermag und welche „Gestalt“ diese Liebe hat. An Jesus ist zu sehen, wie die Liebe ihn „groß“ macht und nicht „klein“ hält. Die Liebe, die Jesus bewegt und geprägt hat, war nicht berechnend, sie verzweckte ihn nicht oder war gar an Bedingungen geknüpft. Jesus wusste sich vielmehr so von Gott angenommen, so beschenkt, so unbedingt getragen, dass er sich selbst vergessen konnte. Der rote Faden im Leben Jesu Der Schlüssel zum Verständnis Jesu, zu seinen Worten und Handlungen, zu seiner gesamten Existenz ist dementsprechend die Liebe: Aus Liebe macht er sich klein, damit Menschen in seinen Spuren größer werden können; aus Liebe eröffnet er einen neuen, ungeahnten Zugang zur Welt, zu Gott, zur jeweils eigenen Person, damit Menschen wirklich leben können; aus Liebe leidet er, damit Menschen in ihrem Leid und ihren Zweifeln nicht mehr alleine sein müssen; aus Liebe stellt er sich auf die Seite der Opfer, damit Menschen die Welt aus ihrer Perspektive sehen – und alles tun, damit es keine Opfer mehr gibt. Aus Liebe stirbt der Gottessohn, damit die Sterbenden nicht mehr in ein Nichts hineinfallen. Der Liebe Gestalt geben Wer sich dieser Liebe öffnet, ihr im eigenen Denken, Fühlen und Handeln Raum gibt, der erfährt – mit der Zeit und immer wieder aufs Neue – selbst eine Veränderung: Zum einen vermag die Liebe die Furcht zu vertreiben. „Furcht gibt es in der Liebe nicht … Denn die Furcht rechnet mit Strafe.“ (1 Johannes 4,18). Wer auf Gott und seine unbedingte Liebe setzt, der kann es auch wagen, sich selbst und den Nächsten zu bejahen – trotz Fehlern und Schwächen, trotz Enttäuschungen und Rückfällen in alte Muster. Wer von der Liebe Gottes und ihrer „Weitung“ gekostet hat, den drängt es schließlich danach, der Liebe im eigenen Leben und im eigenen Umfeld eine konkrete Gestalt zu geben, sie in konkret Erlebbares zu übersetzen: in menschliche Wärme, in Verständnis, in Großzügigkeit, in tatkräftige Hilfsbereitschaft – und immer wieder in langen Atem. In seinen geistlichen Übungen ermutigt daher Ignatius von Loyola (1491 bis 1556), der Gründer des Jesuitenordens, regelmäßig einen liebenden Blick auf das eigene Leben zu richten. Dabei darf dieser Blick auf das Leben, der das Schwierige und Traurige nicht ausspart, geleitet sein vom liebenden Blick Gottes, für den die Welt und der Mensch „sehr gut“ sind – unwiderruflich. Fragen für ein Gespräch bzw. für die eigene Spurensuche: - Wo Liebe fehlt, engen Menschen ihr Leben ein – auf die Erfahrung des Mangels. Wohingegen Menschen Liebe erfahren, weitet sich ihr Leben. Kenne ich Beispiele für diese beiden Phänomene? - „Furcht gibt es in der Liebe nicht“ – kann ich diese Erfahrung teilen? Ist mir das schon einmal selbst aufgegangen? - Die Liebe als Lebensprogramm Jesu – was bedeutet das für mich und mein Leben? Geliebt: von Gott Liebe und Gerechtigkeit – das sind die beiden biblischen Schlüsselwörter, woraufhin unser Leben ausgerichtet sein soll. Untrennbar gehören sie zusammen, weil sie das Wesen Gottes sind. Aber es gibt ein altes christliches, immer wiederkehrendes Vorurteil: Der Gott des ersten Bundes, der Gott des Judentums, sei der Gott der Gerechtigkeit und Strafe, der Gott des zweiten Bundes, der Gott des Christentums, sei der Gott der Liebe und Barmherzigkeit. Doch Liebe und Gerechtigkeit sind in Gott eins, darum heißt es: „Wer seinen Bruder nicht liebt, den er sieht, kann Gott nicht lieben, den er nicht sieht“ (1 Johannes 4,20). Gott ist Liebe, das heißt: Er ist unbedingtes Wohlwollen, unbedingte Bejahung eines jeden Geschöpfs. Gott ist Liebe, das heißt: Er schuf die Welt aus reiner Güte und sorgt für alles Leben. Gott ist Liebe, das heißt: Er geht den Weg mit uns Menschen, bis ans Ende eines jeden und einer jeden, bis ans Ende der Zeiten. Wir sind von Gott geliebt – das ist die große Zusage und Wahrheit des Alten/Ersten und des Neuen Testaments, eine Erkenntnis, die gereift ist in Jahrhunderten. Je länger Israel seine Gottesbeziehung erforschte, umso klarer wurde: Gott liebt ohne Bedingung (vgl. Deuteronomium 7,7) und ewig: „Mit ewiger Liebe habe ich dich geliebt“ (Jeremia 31,3). Für den christlichen Glauben ist Jesus die Fülle der göttlichen Liebe, in ihr berührt uns Gott als Heiland und Retter (1 Johannes 4,9). So ist die menschliche Erfahrung der Liebe der Weg, wie wir Gott erkennen können. Wer aber liebt, der und die verankert sich in Gott selbst. Wenn dies geschieht, dann wird das Leben recht. Denn Liebe verleiht das Gefühl, dass wir recht sind, dass wir da sein dürfen. Dann aber steht auch das Leben unter dem Anspruch der Gerechtigkeit, weil es Liebe ohne Solidarität und Mitgefühl für die Nächsten nicht gibt. Von der Liebe zu reden, ohne Gerechtigkeit zu leben – dieser große Vorwurf an uns Christinnen und Christen hallt durch die Zeiten. Sich von Gott geliebt zu wissen bedeutet, immer wieder neu in unsere von Siegern und Besiegten, von Tätern und Opfern gespaltenen und verletzten Lebensgeschichten hineingezogen zu werden und sich immer wieder der Frage zu stellen: „Wo ist dein Bruder, wo ist deine Schwester?“ (vgl. Genesis 4,9). Kampagne Glaube gibt Halt
qBitte beachte unsere Richtlinien für Kommentare.