Im Christentum gibt es drei Sakramente, die im Besonderen dem Christ-Werden und Christ-Sein bzw. dem Christin-Werden und Christin-Sein gewidmet sind: Taufe, Firmung und Eucharistie. Mit der Taufe wird ein Mensch in eine neue Beziehung, in einen neuen Weg, in ein neues Lebensmodell „hineingetaucht“. Mit ihr beginnt ein Leben, das sich von jenem Geist anstecken lässt, der Jesus Christus selbst bewegt hat. Die Firmung faltet die Taufe weiter aus und vertieft diese. Sie zeigt erneut, wie viel Kraft und Inspiration von der Nähe Gottes und seines Auferweckten ausgehen. Die Eucharistie wiederum ist jenes Zeichen, jenes Sakrament, das die Beziehung mit Jesus stärkt und in Gang hält.
Vielleicht kann man auch sagen, dass die Eucharistie Menschen immer mehr in das hineinver- wandelt, was in der Taufe grundgelegt worden ist: Als Getaufte/r leben heißt, ja im Sinne Jesu leben. Und im Sinne Jesu leben heißt, füreinan- der leben, einander zur Nahrung werden. Nüchtern betrachtet muss man sagen: Die Feier der Eucharistie ist heute für viele nichts Besonderes mehr. Sie gehört zwar noch immer zu den kulturellen Bestandteilen unseres Landes. Kindern, Jugendlichen und zunehmend auch immer mehr Erwachsenen geht aber der Bezug sowie ein Verständnis für ihre Sinnhaftigkeit und Lebensnähe verloren. Man scheint ganz gut ohne sie auszukommen! Sie fehlt im Lebensgefühl vieler Menschen nicht. Grund genug, die Eucharistie wieder genauer in den Blick zu nehmen – und sich von ihrem „Anfang“ her inspirieren zu lassen.
Und da zeigt sich Überraschendes: Der Evangelist Lukas lässt nämlich die Jünger unmittelbar nach dem Letzten Abendmahl streiten, wer der Größte unter ihnen sei (Lukas 22,24-30). Jene, die hautnah dabei waren, mittendrin, verstan-den also nichts. Die Botschaft des Abendmahls ging an ihnen vorbei. Ähnlich verhält es sich mit der Fußwaschung, wie sie im Johannes-Evangelium beschrieben wird. Auch hier ? nden die Jünger keinen Zugang zum Sinn dieses Tuns. Jesus selbst sagt zu Petrus: „Was ich tue, verstehst du jetzt noch nicht; doch später wirst du es begreifen“ (Johannes 13,7). Vielleicht liegt in diesen Worten des Evangeliums ein Trost für uns: Eucharistie ist keine glatte Sache, die einem leicht und selbstverständlich aufgeht. Sie stellt vielmehr eine „Zu-Mut-ung“ und Herausforderung dar, in die man erst hineinwachsen muss bzw. darf.
Die Abendmahldeutung des Paulus
Auch wenn aufgrund der unterschiedlichen Texte keine vollständige Rekonstruktion des Letzten Abendmahles mehr möglich ist, darf man doch davon ausgehen, dass Jesus diesem Mahl eine besondere Bedeutung zugesprochen hat. Verbindet man dieses letzte gemeinsame Essen nämlich mit seinem gesamten Leben, mit seinem Dasein für die Menschen, dann bekommt dieses Mahl – wie der Kreuzestod – von hier aus eine bestimmte „Botschaft“. Es ist ein Geschehen, das mit dem Leben und dem Heil von uns Menschen zu tun hat. Eine sehr bekannte Abendmahldeutung findet sich im ersten Korintherbrief. Hier antwortet Paulus auf Anfragen aus der jungen korinthischen Christengemeinde. Mit Blick auf die Eucharistie schreibt er: Denn ich habe vom Herrn empfangen, was ich euch dann überliefert habe: Jesus, der Herr, nahm in der Nacht, in der er ausgeliefert wurde, Brot, sprach das Dankgebet, brach das Brot und sagte: Das ist mein Leib für euch. Tut dies zu meinem Gedächtnis! Ebenso nahm er nach dem Mahl den Kelch und sprach: Dieser Kelch ist der Neue Bund in meinem Blut. Tut dies, so- oft ihr daraus trinkt, zu meinem Gedächtnis! (1 Korinther 11,23 - 25)
Um den Sinn dieser Worte zu verstehen, darf nicht vergessen werden, dass Jesus bei diesem Mahl mit seinem baldigen Tod rechnet. Spätes- tens nach dem zuvor von Jesus provozierten Eklat im Tempel war klar, dass er nur mehr kurze Zeit zu leben hatte. In den letzten Stunden eines Lebens aber versucht man den Seinen etwas Kostbares zu vermachen, ihnen Wesentliches mitzugeben. Für Nebensächliches bleibt keine Zeit mehr. Daher gestaltet Jesus die gemeinsame Feier als Abschiedsmahl – mit besonderen Worten und Zeichenhandlungen. Mit dem Teilen und gemeinsamen Essen des Brotes, mit dem Herumreichen des Weinbechers und dem gemeinsamen Trinken daraus sowie den jeweils dazugehörigen „Botschaften“ („Das bin ich; das ist der neue Bund …“) gibt er den Seinen etwas, was selbst durch seinen Tod nicht vernichtet werden kann, etwas, das „von dynamisch-frischer Dauer“ bleibt: Er schenkt sein Dasein, seine Ge- genwart, sein „Ich-bin-da“, seine Zuwendung.
Diejenigen, die gemeinsam Mahl halten, die vom eucharistischen Brot essen und vom Wein trinken, gewinnen demnach Anteil an Jesus selbst, an dem, was diesen Menschen ausmacht, an dem, was ihn belebt, an dem, was ihm wichtig ist. Und sie bekommen – ausgedrückt durch den Wein – einen Vorgeschmack auf die frohe und festliche Gemeinschaft mit Gott. Das aber hat Konsequenzen für das Leben der Mitfeiernden und für ihre Gemeinschaft (vgl. 1 Korinther 11,17-34)!
Wandlung in wachsenden Ringen
Ein Höhepunkt der Eucharistiefeier ist die sogenannte Wandlung. Wenn Christinnen und Christen „Eucharistie“ feiern, steht „Wandlung“ im Zentrum: So wie Brot und Wein eine neue Bestimmung bekommen und zu „Leib und Blut Christi“ werden, soll auch der Mensch, sein Tun, seine Geschichte, seine Welt eine neue Bestimmung bekommen – und dementsprechend verwandelt werden. All diese „Wandlungen“ aber beginnen, wie die Wandlung von Brot und Wein zeigt, im Kleinen. Vielleicht kann man von einer „Wandlung in konzentrischen Kreisen“ sprechen. Jesus wandelt Brot und Wein, er setzt diese Lebensmittel zu sich in eine neue Beziehung und gibt ihnen so einen neuen Sinn, einen neuen „Inhalt“: Das bin ich – mit meiner Kraft, meiner Zuwendung, meinem Wohlwollen, meinem Leben. Wer sich von diesem Jesus angesprochen fühlt und sich ihm öffnet, der öffnet, weitet und wandelt damit auch sein Herz, sein Denken, seine Wahrnehmung, sein Tun: Schritt für Schritt, immer wieder aufs Neue, trotz mancher Rückschrit- te. Wer bereit ist, sich selbst zu verändern und zu wandeln – allmählich, ein Leben lang –, der wird ermutigt, auch seine Umgebung zu „verwandeln“, sie – wo es nötig ist – menschlicher, freundlicher, gerechter zu machen.
Die „Wandlung“ in der Eucharistie ist daher nicht als ein „geheimnisvoller“ Kultakt in einer geschützten Gruppe zu verstehen – lebensfern und weltfremd. Nein, die „Wandlung“, die mit Jesus zusammenhängt, ermutigt vielmehr zum Aufbrechen und zur Veränderung: vom Gegeneinander zum Miteinander, vom engen Blick zum weiten Blick, von der Nutznießerin zur Nutzteilerin, vom Verantwortungsscheuen zum Verantwortungsbewussten, von der Enttäuschten zur Hoffenden. Mit diesen „Wandlungen“ aber kann man den Veränderungen im eigenen Leben ge- nauso wie in der Gesellschaft sinnvoll und geistvoll begegnen.
Eucharistie als „Gedächtnis“ Christi, als Erinnern und Vergegenwärtigen
Beim Abschiedsmahl spricht Jesus zweimal vom Gedächtnis – „sooft ihr zusammenkommt, Wein trinkt, Brot brecht und dabei an diese Stunde und an mich denkt, bin ich da“. Mit „Gedächtnis“ ist nicht nur das Denken an Vergangenes gemeint. „Gedächtnis“ im biblischen Sinn hat vielmehr zu tun mit Innewerden, Hineingezogen werden, Einbezogensein in die gegenwärtig werdende Wirk lichkeit eines bestimmten, heilvollen Ereignisses.
Auf diese Weise reihen sich bis heute gläubige Jüdinnen und Juden beim Essen des Pascha-Lammes in die lebendige religiöse Tradition ihres Volkes ein. Sie erleben durch die Feier des Mahles die Rettung ihrer Vorfahren aus Ägypten mit – so als ob sie selbst dabei gewesen wären. Wenn Christinnen und Christen Eucharistie feiern, treten sie – ebenfalls durch ihr „Gedächtnis“ – in die Gemeinschaft mit Jesus ein, dem für uns aufs Kreuz
Gelegten und aus dem Tod Befreiten. So gesehen müsste Eucharistie immer etwas „Anziehendes“, „Hineinziehendes“, „Dynamisches“ sein – wo es um nicht mehr und nicht weniger geht als um Leben und Tod.
Fragen für ein Gespräch bzw. für die eigene Spurensuche:
- Wandlung bzw. sich wandeln (lassen) – wo habe ich das bei mir oder bei anderen schon einmal erlebt?
- Was hilft bei der Wandlung der eigenen Gedanken, der eigenen Gewohnheiten, des eingefleischten Blickes …?
- Warum ist „Wandlung“ nicht immer einfach?
- Welche Kraft, welche Inspiration ? nde ich in
der Eucharistie?
Verwandelt: durch sein Gedächtnis
Die sonntägliche Eucharistiefeier ist der liturgische Höhepunkt in der katholischen Kirche. Denn sie ist Danksagung und Gedächtnisfeier in einem: In ihr dankt die Kirche Gott dem Vater für dessen liebende und Leben schaffende Selbstmitteilung in seiner Schöpfung und in seinem Volk Israel. In ihr erinnert sie das Leben, Sterben und Auferstehen seines Sohnes Jesu. In ihm hat sich Gott ein für alle Mal als die versöhnende und verschenkende´ Liebe erwiesen. Die Eucharistiefeier ist deshalb die Verdichtung dessen, worum es im menschlichen Leben geht: eine in Gottes Heiligem Geist verwandelte, universale Gemeinschaft zu werden, die in Gerechtigkeit, Liebe und Friede Gott, dem „Freund des Lebens“ (Weisheit 11,26), dient. Dieses solidarische und gewaltfreie Leben ist in Jesus vorgebildet und wird in der Eucharistie vergegenwärtigt.
Die Wandlung der Gaben und der Gemeinde
Darum ist mit der Eucharistiefeier nicht nur dieWandlung der eucharistischen Zeichen von Brot und Wein zur Gegenwart Christi zentral, sondern ebenso die Wandlung der versammelten Gemeinde. Die altkirchliche Liturgie betonte das eindrucksvoll, indem der Hleilige Geist nicht nur über die Gaben, sondern auch über die Gemeinde herabgerufen wurde. Die Wandlung der Christen in der Eucharistiefeier zielt letzten Endes auf Jesu Gebot: „Liebt einander, so wie ich euch geliebt habe“ (Johannes 15,12).
Was dies bedeutet, verdeutlicht uns das Johannesevangelium: Im Bericht über Jesu Abschiedsmahl setzt der Evangelist an die Stelle, der Brotworte und der Becherhandlung (vgl. Markus 14,22-24) die Schilderung der Fußwaschung. Mit dieser damals von Sklaven durchgeführten Tätigkeit weist Jesus seine Jünger an, so wie er sein Leben radikal zu teilen und hinzugeben.
Wenn die Kirche Eucharistie feiert, dann wird sie nicht nur in die Gemeinschaft mit dem dreifaltigen Gott hineingenommen. Sie zeigt damit zugleich, dem Ankommen des Gottesreiches unter den Menschen zu dienen. Ihr Erinnern des Leidens und Auferstehens Jesu muss immer auch Eingedenken der Leidenden und Opfer der Vergangenheit und Gegenwart sein. Denn in der Eucharistie unterstellt sich die Gemeinde der „Autorität der Leidenden“ (Johann Baptist Metz) und erhofft mit ihnen die Auferstehung, die Wiedergutmachung und Vollendung ihres und unseres Lebens.
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