Dies ist die alte Version von Thematisch.at

Weil es hier doch noch so viel zu lesen gibt, haben wir diese Website online gelassen, sie wird aber nicht mehr aktualisiert. Für aktuelle Informationen zum Thema Kirche und Social Media empfehlen wir kirche20.at. Auf thematisch.at vernetzen sich christliche BloggerInnen aus Oberösterreich. Die Katholische Aktion OÖ ist unter www.dioezese-linz.at/ka im Web zu finden.

Startseite

Wie kann ich verzeihen?

Sie ist eines jener Kinder, die im „Fremdvölkischen Kinderheim“ der Nazis in Pichl bei Wels die erste Zeit ihres Lebens verbringen mussten. Bis Ende 1946 waren im Schloss Etzelsdorf um die 80 Säuglinge von Zwangsarbeiterinnen aus Osteuropa untergebracht. Dreizehn von ihnen verstarben aufgrund mangelhafter Pflege und Ernährung im Herbst 1944 und wurden namenlos am Pichler Friedhof begraben. Jahrzehntelang schleppte die heute Mit-Sechzigerin diese „Herkunft“ mit sich herum – und den Verdacht, dass die Frau, der sie zu Kriegsende mitgegeben wurde, nicht ihre wirkliche Mutter sei. Diese Härte des Anfangs blieb nicht folgenlos und zeigte Wirkung in ihrem Leben. Seit einigen Jahren aber hat sich etwas Wesentliches geändert. Zum einen ergab ein DNA-Test die Gewissheit, dass die Mutter nicht ihre leibliche Mutter war. Damit löste sich ein großer Knoten und eine neue freundschaftliche Beziehung wurde möglich. Zum anderen engagiert sich das einstige „Etzelsdorfer Kind“ in einem vor Kurzem gestarteten Projekt, wo die Geschehnisse von Etzelsdorf aufgearbeitet und im Rahmen von Veranstaltungen und Begegnungen weitergegeben werden. Dieses Reden über ihre Herkunft, dieses Erzählen ihres Schicksals, hat sie Stück für Stück aus den alten „Fesseln“ herausgelöst und versöhnt. Eine Arbeit, die sich auszahlt Am Beispiel der Lebensgeschichte dieser Frau zeigt sich gut, was Versöhnung bedeutet. Versöhnung heißt: das Geschehene annehmen und aus-halten zu können, es nicht mehr unter den Teppich kehren zu müssen, sondern zu bejahen und in das Leben zu integrieren. Versöhnung heißt zugleich aber auch, verzeihen und vergeben zu können: diejenigen, die Schuld zugefügt haben, zu „entschuldigen“ und eine erlittene Verletzung nicht mehr anzurechnen.Solche Versöhnung und Vergebung kostet Kraft – und sicher auch Überwindung. Sie bedeuten harte, mitunter jahrelange Arbeit. Aber Versöhnung und Vergebung zahlen sich aus, denn Versöhnung und Vergebung entbinden vom Belastenden und machen auf diese Weise vom Vergangenen frei. Es entsteht innerer Friede – und Friede mit dem „Feind“. Wer hingegen unversöhnt lebt, wer nicht entschuldigen kann, der bleibt am Unheilvollen, am Unglücklichen, am Unheilen gebunden. Das Alte kann so eine ungeheure Macht über das eigene Leben be-kommen. Der Balken im eigenen Auge … Eine große Hilfe auf diesem anspruchsvollen Weg der Versöhnung und Vergebung finden Christinnen und Christen in Jesus. Zwei seiner Worte, die für den Mut zur Versöhnung und für das Wagnis der Vergebung von Bedeutung sind, sollen exemplarisch vorgestellt werden. Zum einen lädt Jesus in der Bergpredigt ein, nüchtern und ehrlich auf sich selbst zu schauen: „Warum siehst du den Splitter im Auge deines Bruders, aber den Balken in deinem Auge bemerkst du nicht?“ (Matthäus 7,3). Worum es hier geht, ist, zu erkennen, dass jedem und jeder von uns nicht nur die Rolle des bzw. der Vergebenden zufällt. Vielmehr geht von jeder und jedem auch Un-recht aus und die anderen sind gefragt, uns immer wieder zu vergeben, uns gut gesonnen zu sein, es erneut mit uns auszuprobieren. Damit das eigene Leben gut gelingen kann, braucht es also Vergebung von Seiten der anderen – seien es die eigenen Kinder, der Partner/die Partnerin, die Nachbarn oder die ArbeitskollegInnen. Wenn das bewusst ist, dann gelingt es vielleicht leichter, Vergebung stets aufs Neue zu wagen. Sich von Gottes Großzügigkeit inspirieren lassen. Die zweite Quelle, die Jesus bei der „Versöhnungsarbeit“ in den Blick rückt, ist Gott selbst – und seine unendliche Vergebungsbereitschaft. Diese kommt im Gleichnis vom barmherzigen Vater (Lukas 15,11-32) wohl am besten zum Ausdruck: Der verlorene Sohn, der mit Hilfe seines ausbezahlten Erbes zügellos in die Tage hineinlebt und seine Existenz „vor die Säue wirft“, kommt an die Grenzen seines Tuns. Er stürzt so vollkommen ab, dass er die Folgen seines Handels erkennt. Die einzige Chance, die er noch sieht, um nicht „draufzugehen“, ist, zu seinem Vater zurückzukehren. Hier möchte er als Tage-löhner arbeiten. Ihm ist bewusst: Sohn kann er nicht mehr sein. Dieses Recht hat er verspielt. Deshalb wählt er die Worte, die er seinem Vater sagen wird, mit Bedacht und macht aus seiner Schuld kein Hehl. Dann bricht er auf und geht zu seinem Vater. Doch als der Vater seinen Sohn kommen sieht, hält den Wartenden nichts mehr zurück: Er läuft dem Davongelaufenen entgegen, fällt ihm um den Hals und küsst ihn. So – sagt Jesus – ist Gott. So groß sind sein Herz und seine Versöhnungsbereitschaft. Vielleicht kann diese unvorstellbare Großherzigkeit Got-tes auch uns anstecken und ermutigen, wenn Versöhnung und Vergebung gefragt sind. Das Vaterunser erinnert uns mit einer Bitte daran. Es heißt hier: Und vergib uns unsere Schuld, wie auch wir vergeben unseren Schuldigern. Fragen für ein Gespräch bzw.für die eigene Spurensuche: - Wie geht es mir persönlich mit Versöhnung und Vergebung – fällt mir das leicht oder tue ich mir eher schwer damit? - Was hilft mir, Versöhnung und Vergebung zu wagen? Ist der Glaube für mich hier eine Unterstützung? Wenn ja, inwiefern? Versöhnt: mit Gott und Welt Aus existenzieller Sicht ist das größte Problem des Menschseins, mit sich und den anderen unversöhnt, das heißt in Unfrieden, Hass und Entfremdung zu leben. Für die Bibel ist diese Unversöhntheit die Quelle allen Unheils und Unglücks. Die Schrift nennt die Eifersucht Kains auf das Dankopfer Abels und den Brudermord als die ersten beiden urgeschichtlichen Taten des Menschen jenseits von Eden (vgl. Genesis 4). Was sie mit dem Erzählmittel des Mythos aus-sagt, ist eine Wahrheit von universaler und immer gültiger Dimension: Kein Mensch entgeht dem Netzwerk des Bösen und der Gewalt. Nicht seine Endlichkeit ist also das wirkliche Elend des Menschen, sein „Aus-Erde-Sein“ (Gen 2,7), sondern seine Entfremdung mit dem Leben. „Jenseits von Eden“ ist Leben entfremdet Warum aber gerät der Mensch unter die Macht des Bösen, warum gelingt ihm kein Leben, ohne den anderen zu verletzen? Die Antwort des Glaubens zeigt dorthin, wo die tiefste Wunde des Menschen ist: Der Mensch lebt in Wahrheit getrennt vom göttlichen Grund des Lebens. Denn aus der Sicht und der Erfahrung des Glaubens ist der Mensch mehr als bloß Natur, er ist Ebenbild Gottes, wenngleich auf endliche und begrenzte Weise. Seine Identität, sein Wesen ist es, als Geschöpf aus dem Urgrund des Lebens zu leben. Aber genau dies misslingt ihm, weil er an die Stelle des bedingungslosen Vertrauens auf Gott seiner Lebensangst ausgeliefert ist. Aus dieser Angst um sich, vollzieht er sein Leben. So wird der Mittelpunkt seiner Existenz er selbst, er kreist um sich und sucht letzten Endes darin den „verlorenen“ Ursprung. Darum ist für den christlichen Glauben der Schlüssel des Heilwerdens die Versöhnung des Menschen mit Gott. Und eben dies erkennt das Christentum in der Menschwerdung Gottes: Gott begegnet uns Menschen in Jesus Christus als das voraussetzungslose Angebot der Versöhnung. Im Tod und in der Auferstehung Jesu erweist sich Gott als der, der die menschliche Entfremdung erlitten und geheilt hat. Um diese Erlösungstat Gottes auszudrücken, greift das Neue Testament auf das Bild der Sühne zurück (vgl. Römer 3,25; Markus 14,24). Nun erst kann der Mensch aus einem neuen Zentrum heraus leben, weil Gott nicht mehr der Ferne ist, sondern in ihm selbst als Liebe und Gnade gegenwärtig. Der Weg zu Gott und zur Welt, versöhnt zu leben, ist frei geworden. Freilich, die ausgestreckte Hand Gottes ergreifen muss der Mensch selbst. Kampagne Glaube gibt Halt
qBitte beachte unsere Richtlinien für Kommentare.