Viele fuhren vorbei und blieben nicht stehen, obwohl am Straßenrand ein arg zugerichtetes Auto lag – mit blutenden und bewusstlosen Verletzten davor. Die Vorbeifahrenden mussten nach rund einem Kilometer anhalten.
Die Polizei stoppte sie, und ein Fernsehteam des Westdeutschen Rundfunks konnte die LenkerInnen über ihr Nichthelfen befragen. Als einer der entscheidenden Gründe für die Reaktion der Weiterfahrenden erwies sich der Blick in den Rückspiegel: Sehen die Fahrenden hinter sich einen Wagen, geben sie die Verantwortung fast automatisch an die Nachkommenden ab. Aus Sicht der Ersten haben die Hinteren ja länger Zeit, um zu reagieren. Also sollen sie doch anhalten und helfen! Und so geht es von Auto zu Auto immer weiter. Für die weiter hinten Fahrenden kam noch ein weiterer Faktor dazu, den die Psychologie „pluralistische Ignoranz“ nennt: Die Nachfolgenden sehen, dass die Fahrenden vor ihnen an der Unfallstelle vorbeifahren. Daraus ziehen sie den falschen Schluss, dass die Situation offenbar nicht so schlimm sei. Je mehr solcher „passiver“ Vorbilder es also gibt, umso geringer ist die Wahrscheinlichkeit, dass jemand handelt.
Die Praxis ist entscheidend
Eine ähnliche Erzählung findet sich im Neuen Testament, genauer im Lukasevangelium (Lukas 10,25-37). Hier passiert ebenfalls ein Unfall – und die Vorbeikommenden verhalten sich wie zu erwarten: Zwei bleiben nicht stehen, nur einer hält. Jene zwei, die vorbeigehen, gehören zu den damals Etablierten. Sie versuchen aufgrund ihrer Profession perfekt zu leben und Gott in allem gerecht zu werden. Gerade sie aber lieben Gott an den Benachteiligten und Schwachen vorbei. Und der, der wirklich stehen bleibt und handelt, ist eigentlich ein Fremder. Er, der in den Augen seiner Zeitgenossen ein Ungläubiger, ein „Fernstehender“ ist, erweist sich als „Nächster“. „Geh und handle genauso!“ (Lukas 10,37), sagt Jesus am Ende der Erzählung. So wichtig es ist, sich wie der Priester oder der Levit mit dem eigenen Glauben auseinanderzusetzen, so wichtig das klare Profil und eine erkennbare Identität des eigenen Glaubens sind, so darf eines nicht übersehen und übergangen werden: das Tun. Worum es im Christentum in erster Linie geht, ist die Praxis. Der Tübinger Theologe Hans Küng drückt das so aus: „Gewiss, alle Glaubensbekenntnisse der Christenheit – die alten wie die neuen – in Ehren, wichtiger aber für das Christsein ist etwas anderes. Nirgendwo hat Jesus gesagt: ‚Spreche mir nach!’, vielmehr sagte er: ‚Folge mir nach!’ Das heißt: Keinem seiner Jünger oder Jüngerinnen hat Jesus zuerst ein Glaubensbekenntnis abverlangt, vielmehr hat er sie in die ganz und gar praktische Nachfolge berufen.“
„Einlass-Ticket“ in das Himmelreich
Wie wichtig das Tun, die Praxis ist, zeigt auch das Matthäusevangelium. In der Rede vom Weltgericht (Matthäus 25,31-46) ist vom „Einlass-Ticket“ in das Himmelreich die Rede. Dieses Einlass-Ticket aber wird nicht durch eine bestimmte Mitgliedschaft gelöst. Es ist nicht durch die Kenntnis wichtiger Glaubensinhalte, durch Beten ohne Unterlass oder eifrige Askese bis hin zur Ehelosigkeit zu erhalten. Das alles hat seinen Sinn und seinen Wert. Wirklich bedeutend und zentral für den „Eintritt“ in das Himmelreich ist der Umgang mit den Hungrigen und Durstigen, der Einsatz für Fremde und Obdachlose, die Sorge um Kranke und Gefangene. Hier, in diesen Feldern, wo es um Menschlichkeit, um Humanität – gerade für die Schwächsten in der Gesellschaft – geht, geschieht für Jesus das Entscheidende, das Zukunftsfähige, das unbedingt Notwendige. Gerade hier ist Christin- bzw. Christ-Sein gefragt.
In die Haut des/der anderen schlüpfen
Wie aber gelingt diese praktische Nachfolge? Wie ist es möglich – so wie der Samariter – barm-herzig zu sein und sich im Alltag als Nächste/r zu erweisen? Das Wort „Barmherzigkeit“ beinhaltet – wie das lateinische „misericordia“ – den Begriff „cor“, „Herz“. Das Herz ist demnach die entscheidende Instanz, die bei der Nächstenliebe aktiv wird. Worum es geht, ist, mit- bzw. einfühlend zu werden, ein Herz für den anderen bzw. die andere zu haben. Im Hebräischen und Griechischen wird die Barmherzigkeit körperlich noch „tiefer“ angesetzt. Sie ist hier mit dem Bauch, der Gebärmutter, dem Mutterschoß bzw. mit den Eingeweiden verbunden. Diese körperliche „Verortung“ macht bewusst, dass Barmherzigkeit die Fähigkeit voraussetzt, in die Haut des anderen zu schlüpfen, im anderen sein eigenes Fleisch und Blut leiden zu spüren. Dieses „Eintauchen“ in den anderen wird wohl dann gelingen, wenn ein Mensch selbst immer wieder die heilsame Erfahrung machen darf, dass sich jemand mit ihm identifiziert, in seine Haut schlüpft, ihn versteht und mitträgt. Genau diese „existenzielle Solidarität“ (Bernadin Schellenberger) steht im Zentrum von Weihnachten, dem Fest der Menschwerdung Gottes.
Fragen für ein Gespräch bzw. für die eigene Spurensuche:
- Wo fällt mir persönlich das Mit- und Einfühlen leicht, wo schwer? Und warum? Was hilft mir, Mitgefühl zu entwickeln?
- Wo fühle ich mich persönlich in meinem Umfeld am meisten „gefragt“?
- In welchem Bereich, in welcher Frage sehe ich unsere Gemeinschaft, die Kirche am meisten gefragt?
Gefragt: vom Nächsten
Vielen erscheinen die Forderungen Jesu, die Nächsten in aller Radikalität zu lieben, als unerfüllbar für gewöhnliche Menschen. Die Gebote der Bergpredigt (Matthäus 5,21-48), der Aufruf zur Kreuzesnachfolge (Markus 8,34-37) oder die Einladung an den reichen Jüngling, alles zu verkaufen, den Erlös den Armen zu geben und Jesus nachzufolgen (Markus 10,17-31) ist das nicht alles eine überfordernde Zumutung? Aber Jesu Nachfolge ergeht nicht über unsere Köpfe hinweg. Wir dürfen die verschiedenen Stufen und Formen der Nachfolge schon in der Jesusbewegung nicht übersehen: Es gab die radikale Weggemeinschaft der Jünger und Jüngerinnen Jesu, aber auch die festen „Ortsgemeinden“, die den Wanderpredigern und Missionaren Unterkunft und Unterhalt gaben; es gab die Diakone, die besonders für die Witwen und Armen sorgten (Apostelgeschichte 6,1-7), die ZeugInnen der Auferstehung Jesu, die Hausgemeinden usw. Nachfolge Jesu ist also nicht einfach Nachahmung, sondern heißt, sich mit den Möglichkeiten, die zur Verfügung stehen, in den Dienst der Liebe und Gerechtigkeit am Nächsten zu stellen.
Der Maßstab ist die Liebe
Darum ist das Grundprinzip der christlichen Ethik nicht Rigorismus, sondern Liebe. Sie ist der letzte Maßstab allen Handelns und Glaubens. Die Liebe ist nämlich eine dreifache Bezogenheit: Sie ist Liebe zu Gott, zum Nächsten und zu sich selbst (vgl. Lukas 10,27). Liebe ist nicht nur ein Gefühl, bejaht und anerkannt zu sein, sondern auch ein Anspruch der Unbedingtheit: Liebe ist die Werthaltung, ein Du um seiner selbst willen anzuerkennen und in seiner Würde zu achten. Darum nimmt uns die Liebe in die Pflicht. Wir sind gefragt vom Nächsten, in seiner Not, in seiner Bedürftigkeit, in seiner verletzten Würde.
Die Ethik und der Ruf zur Nachfolge Jesu entspringen letzten Endes nicht einer unpersönlichen Gehorsamsforderung, sondern der Erfahrung, immer schon im Voraus von Gott geliebt und gerufen zu sein. Weil Gott uns unbedingt anerkennt und liebt, darum ist jeder Mitmensch, auch der Feind, ein „Kind Gottes“. Denn es gilt nach Martin Buber, dem großen jüdischen Philosophen: „Liebe deinen Nächsten, denn er ist wie du.“
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