Seien es Rockkonzerte, Fußballspiele oder Kulturfestivals – Menschen kommen gerne zusammen, um gemeinsam etwas zu erleben. Obwohl sich heute immer mehr am iPod bzw. MP3-Player das eigene Musikprogramm zusammenstel-len, geht von einer Openair-Veranstaltung mit vielen Gleichgesinnten nach wie vor eine be-sondere Faszination aus. Ähnlich ist es mit dem Fußball. Natürlich ist eine Fernsehübertragung interessant. Reizvoller jedoch ist das gemeinsame Erleben eines Fußballspiels, sei es im Stadion oder mit Freundinnen und Freunden. Und selbst im Internet gibt es neben dem „einsamen Surfen“ Begegnungsmöglichkeiten für Menschen, die sich sonst nie getroffen und ausgetauscht hätten.
Der „Mehr-Wert“ all dieser Versammlung besteht darin, dass der eigene Horizont, das eigene Erleben, der eigene Genuss und die eigenen Handlungsmöglichkeiten geweitet und vertieft werden. Geteilte Freude, geteiltes Hören oder geteiltes Tun ist mehr als einsame Freude, einsames Hören oder einsames Tun. So gesehen, gehören Teilen und Gemeinschaft immer zusammen.
Geteiltes Leben
Teilen und Gemeinschaft – das sind auch für Jesus elementare Begriffe. Beides ist für ihn so wichtig, dass er im Angesicht des Todes alles, wofür er steht, alles, was er noch weitergeben will, in diese beiden Begriffe hineinlegt: Am Ende seines Lebens, als ihm nur noch wenig Zeit bleibt, versammelt er sich mit den Seinen und teilt mit ihnen Wein und Brot. In diesen entscheidenden Stunden gibt er sich selbst. Er teilt sein Leben und Sterben, er teilt das, was ihm Angst macht und was ihn stärkt. Und er lädt die Menschen ein, sich weiterhin in diesem Sinn zu versammeln, sich – wie Brot und Wein – wandeln zu lassen und einander stärkende Nahrung zu werden. Wo das geschieht, verspricht Jesus, wird er selbst gegenwärtig sein.
Wo immer Christinnen und Christen daher im Sinne dieses Vermächtnisses zusammenkommen und sich um ihren Herrn versammeln, geht es um das Teilen des Lebens, um das, was Angst macht und was stärkt, was Hoffnung nimmt und was Hoffnung gibt. Dementsprechend heißt es in einem Dokument des Zweiten Vatikanischen Konzils (1962 bis 1965) über die Kirche: „Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Menschen von heute, besonders der Armen und Bedrängten aller Art, sind auch Freude und Hoffnung, Trauer und Angst der Jünger Christi“ (Gaudium et spes, Nr. 1). Dieser oft zitierte Satz darf jedoch kein Lippenbekenntnis bleiben. Gott sei Dank steigt bei den Menschen – inner- wie außerhalb der Kirche – heute das Gespür dafür, ob das, was hier gefeiert und gesagt wird, auch durch das Leben in seiner ganze Bandbreite gedeckt ist.
Wenn Weite und Tiefe fehlen …
Wo sich Frauen und Männer, Kinder und Jugendliche nichts mehr für ihr Leben holen können, wo sie nicht mehr erfahren, dass die Kirche und ihre Botschaft den eigenen Horizont, das eigene Erleben, die eigene Wahrnehmung und die eigenen Handlungsmöglichkeiten weiten und ver-tiefen, bleiben diese Menschen verständlicher-weise weg. So gesehen können kirchenkritische Stimmen und Austritte durchaus als Ausdruck einer enttäuschten Sehnsucht nach geistlichen Ressourcen und tragfähiger Lebensorientierung gesehen werden.
Raum schaffen und Raum geben
Damit die Gemeinschaft der Christinnen und Christen Weite und Tiefe ausstrahlt, damit diese Versammlung Menschen anzieht, braucht es nicht nur gute Seelsorgerinnen und Seelsorger: Menschen, die die Botschaft Jesu vom nahen Gottesreich in das heutige Leben mit seinen vielfältigen Herausforderungen kräftig, profi -liert und klug übersetzen. Es braucht ebenso die konkrete Erfahrung, dass jene, die den Glauben mitleben wollen, geschätzt und willkommen sind. Katholisch sein heißt ja weit sein, nicht eng. So darf und muss es Raum geben für Menschen, die wach und sensibel für Neue und Neues sind; Raum für jene, die mitdenken und mitgestalten; Raum für jene, die einfach da sein dürfen – in ihrer Trauer und Enttäuschung; Raum für jene, die ihre Erfahrungen einbringen können, wie Glaube und Alltag gut zusammengehen. Selbstverständlich sind auch jene willkommen und geschätzt, deren Stärke im nüchternen Blick und in der sachlichen Kritik liegt. Dementsprechend vergleicht Paulus in seinem ersten Brief an die Korinther die Kirche mit einem Leib, der aus vielen Gliedern besteht (1 Korinther 12,12-31a). Je-des Glied dieses Leibes ist unersetzlich und hat seine ganz bestimmte Aufgabe. Wichtig beim gemeinsamen Zusammenspiel der Glieder ist, dass kein Zwiespalt entsteht, „sondern alle Glieder einträchtig füreinander sorgen“ (1 Korinther 12,25). Ob man uns das anmerkt?
Fragen für ein Gespräch bzw. für die eigene Spurensuche:
- Wo habe ich den Wert einer Gemeinschaft erfahren (Musik, Sport, Familienrunde …) – und worin bestand/besteht für mich der Wert bzw. das Bereichende dieser Gemeinschaft?
- Was schätze ich an der Gemeinschaft unserer Pfarre? Was fehlt mir hier?
Versammelt: zur Gemeinschaft Jesu
Vor 100 Jahren machte ein Satz des französischen Theologen Alfred Loisy die Runde: Jesus hat das Reich Gottes verkündet, gekommen aber ist die Kirche. Doch der Gegensatz von Gottesreich und Kirche ist falsch. Auch wenn die Kirche selbst nicht das Reich Gottes auf Erden ist, so ist sie doch „Zeichen und Werkzeug für die innigste Vereinigung mit Gott wie für die Einheit der ganzen Menschheit“, wie das 2. Vatikanische Konzil (1962 bis 1965) formulierte (vgl. Lumen gentium 1).
Doch heutzutage an die Kirche Jesu zu glauben, fällt vielen schwer. In einer Zeit der Kirchenkrise ist der theologische und soziale Sinn von Kirche nicht mehr selbstverständlich. In einer Zeit des religiösen Individualismus suchen viele Menschen ihren Glauben in Mystizismus oder in den verschiedensten Angeboten des religiösen Marktes zu verwirklichen. In einem Zeitalter der Kritik werden schonungslos alle Sünden und Untaten der Kirche aufgezeigt. „Wozu brauche ich die Kirche?“, fragen viele. Uneinig aufgrund unzähliger Konfessionen, unheilig wegen vieler Versäumnisse und Eigeninteressen, engstirnig statt weltoffen katholisch, traditionalistisch verhärtet statt dynamisch apostolisch – so und anders lauten berechtigte und unberechtigte Vorbehalte. Und dennoch: Es ist die Kirche, die in den Seelen der ersten Christen erwacht ist, weil sie göttliche Träume vom gelingenden Leben hütet (Fulbert Steffensky).
Kirche: Heilszeichen Gottes für die Welt
So wie wir das Leben nicht uns selbst geschenkt haben, so wenig haben wir uns den Glauben selbst gegeben. Denn Leben und Glauben sind beide Ereignisse der Beziehung, Ausdrucksformen von Kommunikation. Die Kirche Christi hat mit dem Pfingstereignis das öffentliche Licht der Welt erblickt. Als geisterfüllte Menschen begannen, die Geschichte Gottes mit Jesus von Nazaret zu erzählen, konnten sie das nur tun als neue Gemeinschaft von Glaubenden. Nicht zu einem Verein haben sie sich zusammenge-schlossen, sondern sie wussten sich von Chris-tus selbst herausgerufen, seine Botschaft zu verkünden, seine Praxis fortzusetzen, seinen Tod zu erinnern und seine Auferstehung anzusagen. Kirche ist also nicht Selbstzweck, sondern Gottes Heilszeichen für die Welt, gebildet aus Menschen aller Völker.So wie vieles im Leben bleibt auch die Kirche hinter ihren eigenen Idealen zurück. Damit die Kirche dem Reich Gottes dient, braucht sie nicht nur ständige Aufmerksamkeit, die „Zeichen der Zeit“ (Gaudium et spes 4) zu erkennen, sondern jede Christin, jeder Christ ist mit seinem Leben und Glauben ein Stück Kirche, ein Glied Christi.
Kampagne Glaube gibt Halt












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